• Gegen Blitze braucht es doppelten Schutz

Gegen Blitze braucht es doppelten Schutz

27.06.2019 MICHAEL STAUB, Journalist BR, Kriens

Sicherheit – Brände infolge Blitzschlags sind in der Schweiz selten geworden. Vielen Eigentümern ist aber wenig bewusst, dass ihr Gebäude auch einen inneren Blitzschutz benötigt. Dieser hilft, Schäden an elektrischen Geräten und Installationen abzuwenden.

Für Wohneigentümer kann ein Gewitter blitzartig teuer werden. Denn nur 18 Prozent aller Schweizer Bauten besitzen ein Blitzschutzsystem (Lightning Protection System, LPS). Während Hotels, Spitäler oder Tankstellen zwingend mit einem LPS ausgerüstet werden müssen, ist die Installation bei Wohnliegenschaften bis heute grundsätzlich freiwillig. Was viele Eigentümer nicht wissen: Ein «Blitzableiter», also ein LPS, schützt das Gebäude zwar vor äusseren Schäden, etwa an Dach oder Gebäudehülle. Doch das ist erst die halbe Miete. Neben dem äusseren Blitzschutz, der direkte Blitzschäden verhindert, braucht ein Gebäude auch einen inneren Blitzschutz, um indirekte Blitzschäden abzuwenden. 

Fangen und ableiten

Der erste Schritt, um Schäden durch Blitzschlag zu verhüten, ist die Installation eines LPS. Es kann selbstverständlich auch bei älteren Gebäuden installiert oder nachgerüstet werden. Ein LPS besteht aus drei Komponenten:

• Fangeinrichtungen dienen dem Auffangen des Blitzeinschlags;

• Ableitungen führen die Energie sicher vom Dach zum Boden;

• Die Erdung sorgt dafür, dass die Energie in den Boden eingeleitet wird und keine Menschen zu Schaden kommen.

Die Fangeinrichtung wird normalerweise mit einem Maschennetz aus sechs Millimeter starkem Kupferdraht auf der Dachfläche ausgeführt. Grösse respektive Abstand der Maschen sind abhängig von der Blitzschutzklasse des Gebäudes. Dachkanten oder herausragende Gebäudeteile werden mit einem Fangdraht versehen. Gleichmässig auf den Gebäudeumfang verteilte Ableitungen führen den Blitzstrom zur Erde. Dafür werden auch metallische Gebäudeteile wie etwa Dachwasserfallrohre als «natürliche » Ableitungen verwendet. Die Kosten für ein LPS belaufen sich bei einem Neubau erfahrungsgemäss auf 0,5 Prozent der Bausumme. Aus technischer Sicht biete der äussere Blitzschutz keine Probleme, meint Marc Alther, Blitzschutz-Spezialist bei der A. Flury AG: «Das Hauptproblem liegt bei den falschen Annahmen. Viele Leute glauben, dass jedes Gebäude in der Schweiz obligatorisch mit einem LPS ausgerüstet ist und machen sich deshalb kaum Gedanken über das Thema.»

Überspannungen vermeiden

Mit dem Auffangen und Ableiten des Blitzes können grössere Schäden am Gebäude oft vermieden werden. Problematisch ist jedoch die elektrische Energie: Ein Erdblitz kann eine Spannung von bis zu 10 000 Kilovolt aufweisen, seine Stromstärke beträgt im Durchschnitt ungefähr 20 Kiloampère. Das sind Werte, die keine elektrische Hausinstallation verkraften kann. Mit dem inneren Blitzschutz sollen hohe Spannungen deshalb begrenzt werden, etwa mithilfe von Überspannungs-Schutzeinrichtungen. Solche Bauteile begrenzen die zulässige Spannung auf einen bestimmten Schutzpegel. So werden bei einem Blitzeinschlag mit 20 Kilovolt Spannung zum Beispiel «nur» ein bis drei Kilovolt weitergeleitet.

Bei diesem Überspannungsschutz gebe es noch Nachholbedarf, sagt Josef Schmucki, Projektleiter Weiterbildung und Blitzschutzexperte bei Electrosuisse: «Der äussere Blitzschutz hat dank der guten Arbeit der Spengler und Dachdecker eine jahrzehntelange Tradition in der Schweiz. Wir bräuchten jedoch im Schweizer Gebäudepark viel mehr Überspannungsableiter. » In der massgebenden Norm, der schweizerischen Niederspannungs- Installationsnorm (NIN), ist der Überspannungsschutz erst seit 2010 explizit formuliert. «Diese Pflicht ist noch relativ jung, die Umsetzung wird sich deshalb in den nächsten Jahren verbessern», meint Schmucki. Die Kosten für die Überspannungsschutz- Massnahmen betragen ungefähr drei Prozent der Gesamtkosten für die Elektroinstallation.

Viele Schäden

Zu den gesamtschweizerischen Blitzschäden gibt es keine vollständigen Zahlen, weil nur 18 Kantone eine obligatorische Gebäudeversicherung kennen. In den übrigen Kantonen (AR, GL, OW, SZ, TI, UR, VS) müssen Gebäudeschäden bei einer privaten Gesellschaft versichert werden. Die aktuelle Schadensstatistik der Vereinigung Kantonaler Gebäudeversicherungen (VKG), die den Zeitraum von 2008-2017 umfasst, ermöglicht dennoch interessante Einblicke. So lag etwa die durchschnittliche Gebäudeschadenhöhe infolge direkten Blitzschlags bei 7962 Franken. Bei indirektem Blitzschlag belief sich der durchschnittliche Schadensbetrag auf 2751 Franken. Im genannten Zeitraum ereigneten sich pro Jahr im Schnitt 631 direkte und 1699 indirekte Blitzschlagschäden.

Das Fazit von Rolf Meier, Bereichsleiter Public Relations bei der VKG: «Schäden durch indirekte Blitzschläge waren wesentlich häufiger, kosteten aber deutlich weniger als Schäden infolge direkten Blitzschlags.» Schäden an den elektrischen Installationen (z. B. Lüftungsanlage oder Aufzugssteuerung), aber auch an fest mit dem Gebäude verbundenen Geräten und Anlagen (Heizung, Waschmaschine) werden ebenfalls von den kantonalen Gebäudeversicherungen gedeckt. Die 18 VKG-Mitglieder versichern ungefähr zwei Drittel des schweizerischen Gebäudeparks. Um die Zahlen auf das ganze Land hochzurechnen, müssen sie also mit 1,5 multipliziert werden.

Beratung hilft

Eigentümer können sich bei verschiedenen Stellen über Blitzschutzmassnahmen informieren. Eine gute Anlaufstelle sind die kantonalen Gebäudeversicherungen (Übersicht und Adressen unter www.schutz-vor-naturgefahren. ch, Menüpunkt «Unterstützung »). Viele davon fördern den Blitzschutz mit kostenlosen Beratungen und / oder Förderbeiträgen. Spengler können beim äusseren Blitzschutz helfen, Elektroinstallateure den inneren Blitzschutz sicherstellen.

Indirekte Blitzschäden können oftmals im Rahmen einer Hausrat- oder Gebäudeversicherung abgedeckt werden. So etwa bei der Basler Versicherung: «Schadenfälle durch Überspannung, die im Rahmen der Feuerversicherung nicht gedeckt sind, können bei uns mit einem Zusatz in der Hausrat- oder Gebäudeversicherung mitversichert werden», sagt Fabian Bühlmann, Leiter Underwriting Sach / Haft Privatkunden bei der Basler Versicherung. So seien im Rahmen der Hausrat-Kaskoversicherung bewegliche Geräte wie Fernseher, Computer, Radio oder Küchengeräte gegen Überspannungsschäden versichert, ebenso Haushaltsgrossgeräte (Kühlschrank, Tiefkühler, Backofen, Steamer, Waschmaschine, Tumbler). Je nach Wohnkanton und bestehenden Policen muss der Versicherungsschutz anders gewählt werden. Um den individuellen Bedarf an Deckung abzuschätzen, empfiehlt sich ein Gespräch mit dem Versicherungsberater.

Blitzschutz kurz erklärt

Die Temperatur am Einschlagpunkt eines Blitzes kann bis zu 30 000 Grad Celsius betragen. Das macht Blitze für ungeschützte Bauten brandgefährlich. Ihre sehr hohe Stromstärke kann zudem elektrische Installationen und Geräte beschädigen oder zerstören. Um diese Gefahren abzuwenden, kommt bei Gebäuden sowohl der äussere wie der innere Blitzschutz zur Anwendung.

Der äussere Blitzschutz besteht aus Fangeinrichtungen, Ableitungen und Erdung. Das Blitzschutzsystem (Lightning Protection System, LPS) muss im Normalfall alle 10 Jahre kontrolliert werden. In der Regel erfolgt dies kostenlos durch die zuständige Brandschutzbehörde. Der innere Blitzschutz umfasst den Potenzialausgleich sowie den Überspannungsschutz. Der Überspannungsschutz schützt elektrische Installationen, Steuerungen und grössere Geräte, aber auch «kleine» Unterhaltungselektronik wie Fernseher, Computer oder Festplatten vor Beschädigungen durch zu hohe Spannungen.

Schematische Darstellung  der inneren und äusseren Blitzschutzmassnahmen für ein EFH. QUELLE A. FLURY AG